Placebos, Schein-OPs und Co.: Was sie über das wahre Potential von Geist und Körper aussagen (Teil 2)

Der weiße Kittel und der Pawlowsche Hund

Der Wirkung des Placebo-Effekts liegen zwei Mechanismen zugrunde: Erwartung und Konditionierung.

Vereinfacht gesagt, entsteht Erwartung aus individuellen Überzeugungen und Bildern bzw. Symbolen und Archetypen, welchen die jeweilige Person bestimmte Bedeutung beimisst (Tischer 2017). So weckt z.B. der weiße Kittel bereits eine gewisse Erwartungshaltung im Beobachter. Wenn dann noch die Klinik renommiert und der Arzt, der diesen Kittel trägt, für seine hervorragenden Leistungen weit und breit bekannt ist, lässt das die Erwartung nochmals in die Höhe schnellen. Und ist es nicht interessant, dass der Zahnschmerz oft merkbar nachlässt oder gar verschwindet, sobald man vor der Tür des Zahnarztes steht und weiß, dass einem gleich geholfen wird?

In diesem Zusammenhang konnten Mediziner der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf mithilfe hochauflösender kernspintomografischer Aufnahmen nachweisen, dass der Körper aufgrund der erwarteten Schmerzlinderung Endorphine bzw. endogene Opioide ausschüttet (ebd.).

Doch auch Faktoren wie z.B. Marke, Preis, Größe und Farbe eines Medikaments beeinflussen die Erwartungshaltung, weshalb hier dem Verhalten des Arztes ebenso eine wichtige Rolle zufällt: Lobt er das verschriebene Präparat und hebt hervor, welche guten Erfahrungen damit schon gemacht wurden oder betont, dass es sich um einen ganz neuen, vielversprechenden Wirkstoff handelt, wirkt das Medikament viel besser, als wenn er das Rezept oder Medikament kommentarlos ausgehändigt hätte (ebd.).

Die zweite Komponente, die an der Entstehung des Placebo-Effekts mitwirkt, ist die Konditionierung. Das wohl berühmteste Beispiel des Stimulus-Response-Lernens durch wiederholte Koppelung von Reizen ist der Pawlowsche Hund. Es reichte, wenn er nur die Essensglocke hörte, und schon wurde sein Speichelfluss angeregt. Die Assoziation zwischen Glocke und Futter hatte sich im Laufe des Trainings so sehr verfestigt, dass die Klingel bereits die Reaktion auslöste, die normalerweise vom Futter hervorgerufen wird (ebd.).

Konditionierung ist jedoch auch ein natürlicher Teil des menschlichen Alltags. Kombiniert mit Erwartung ergibt sie ein machtvolles geistiges Instrument. Dies verdeutlicht u.a. die von den Forscherinnen Dr. Regine Klinger, Dr. Margitta Worm und Dr. Stephanie Klinger durchgeführte Studie. Diese luden Probanden zu einem Versuch und klärten sie darüber auf, dass sie eine neue Salbe gegen Schmerzen testen würden. Hierfür wurden Elektroden an den Armen der Versuchspersonen angebracht und damit schmerzhafte Stromstöße ausgelöst. Anschließend wurde eine wirkstofffreie Creme auf die betreffenden Hautstellen aufgetragen. Einer Versuchsgruppe erzählten die Ärztinnen, es handle sich dabei um eine Salbe mit einem neuen Wirkstoff, während die andere Gruppe erfuhr, es sei bloß eine neutrale, wirkstofffreie Creme auf ihre Haut aufgetragen worden. Danach wurden die Probanden erneut einer Reihe von Stromreizen ausgesetzt.

In der zweiten Phase teilten die Forscherinnen die beiden Teilnehmergruppen abermals in zwei Gruppen ein. Bei jeweils der Hälfte beider Gruppen reduzierten sie die Reizstärke um 50 Prozent. Die Probanden nahmen daraufhin an, die Salbe würde wirken, da der Schmerz nachgelassen hatte. Dabei war es unerheblich, ob sie wussten, dass die Salbe ein Placebo ist oder den Effekt dem vermeintlichen Wirkstoff zuschrieben. Die jeweils andere Hälfte beider Gruppen erhielt gleich starke Reize wie zuvor, sodass bei ihnen keine Konditionierung stattfand.

In der dritten Phase wurden die Testpersonen gleich starken Reizen ausgesetzt, einmal vor und einmal nach dem Auftragen der Creme. Das Resultat: Diejenigen, die glaubten einen Wirkstoff erhalten zu haben und in der zweiten Phase konditioniert wurden, erfuhren in der Schlussphase eine deutliche Schmerzlinderung. Das gleiche passierte auch bei den Probanden, die von der Unwirksamkeit der Creme wussten, aber in der zweiten Phase konditioniert worden waren, allerdings in schwächerer Ausprägung. Das Experiment bestätigte damit die Annahme, dass sowohl Erwartung als auch Konditionierung für den Placebo-Effekt verantwortlich sind und zudem einander verstärken (Till 2017; Tischer 2010).

Welchen Effekt hätten Sie lieber – Placebo oder Nocebo?

So wie sich das Placebo positiv auf Körper und Psyche auswirkt, so zeichnet sich das Nocebo durch seinen destruktiven (gelegentlich auch fatalen) Einfluss aus. Dies hört sich jetzt vielleicht etwas beängstigend an. Im Prinzip geht es allerdings nur um das Wissen und Bewusstsein, dass es unsere eigenen Gedanken und Überzeugungen sind, die der Wirkung eine bestimmte Richtung geben.

Steht jemand z.B. „Chemiehämmern“ ablehnend gegenüber, werden synthetischen Arzneistoffe bei ihm einen nachteiligen Effekt haben oder Nebenwirkungen deutlicher auftreten. In einer der zahlreichen Studien, die zu dieser Thematik durchgeführt wurden, wollten Wissenschaftler dem Zusammenhang zwischen dem Nocebo-Effekt und den Emotionen Angst und Schmerz auf den Grund gehen. Dazu banden sie 49 Testpersonen den Unterarm ab und unterbrachen damit die Blutzufuhr. Sie baten die Probanden eine Sprungfeder mit dieser Hand so oft zusammenzudrücken, wie sie es aushielten. Die Forscher gingen davon aus, dass diese Übung ziemlich schmerzhaft sein würde. Das teilten sie auch einem Teil der Freiwilligen mit, den anderen Testpersonen sagten sie nichts. Nach dem Grad ihrer Schmerzen befragt, gaben die vorgewarnten Teilnehmer nach dem Test viel höhere Werte an als die ahnungslosen Teilnehmer, da sie bereits vorab mit Schmerzen rechneten und somit entsprechend Angst aufgebaut hatten (Tischer 2010).

Fazit

Der menschliche Geist ist ein unbeschreiblich mächtiges Werkzeug. Da Sie jetzt über das Zustandekommen des Placebo- und Nocebo-Effekts Bescheid wissen und Ihnen bewusst ist, dass es Ihr eigenes Denken und die damit verknüpften Erfahrungen sind, die die von Ihnen erlebten Resultate bestimmen, wird es Ihnen fortan wesentlich leichter fallen, ihr Wohlbefinden bewusst in die gewünschte Richtung zu lenken. Es liegt an uns selbst, ob und in welchem Ausmaß wir auf dieses unermessliche Arsenal an Selbstheilungskräften zurückgreifen. Wenn der Körper dem Geist folgt – und das tut er –, und das, was wir uns im Geiste vorstellen können, auch im Körper möglich und sichtbar wird: Wozu ist unser Körper dann imstande, wenn wir unserem Geist keine Grenzen mehr setzen?
 

Anmerkung der Autorin: Während ich den Absatz über Knie-OPs schrieb und mich genauer in die Prozedur einlesen musste, begann ich in meinen eigenen Knien etwas zu spüren. Es war zwar kein Schmerz, aber doch eine schmerzähnliche Empfindung. Ich bekam dann den Impuls möglichst rasch zum nächsten Abschnitt überzugehen, um meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken. Es erstaunte mich kaum, dass diese Empfindung aufgetreten war, da ich mich ja einige Zeit lang ziemlich detailliert auf die Knie konzentrierte. Diese Wirkung erinnerte mich auch an die Arbeit des Aurachirurgen Gerhard Klügl, der seinen Patienten Modelle oder Zeichnungen von Körperteilen in die Hand gibt, um eine energetische, körperlich spürbare Verbindung zu diesem Körperteil herzustellen.

Ich dachte mir, wenn das in die eine Richtung funktioniert, funktioniert es auch in die andere. Also sagte ich meinen Knien, wie wunderbar sie sind, wie sehr ich ihre Funktionsweise schätze und dafür dankbar bin, dass sie mir ermöglichen zu gehen und so flexibel sind, dass ich im Lotussitz sitzen kann. Während ich sie so lobte, lies die Empfindung ziemlich schnell nach und verschwand dann gänzlich.

Ich fand es unterhaltsam, dass dieser Effekt gerade während des Schreibens über diesen Effekt aufgetreten war. Auch wenn ich über die Placebo- und Nocebo-Wirkung genau Bescheid weiß und den Placebo-Effekt regelmäßig nütze, so hat mir diese Erfahrung gezeigt, wie rasch der Körper auf Gedanken reagiert und wie leicht man ihn wieder in Balance bringen kann.

 


Bartens, Werner (2017). “Pseudo-Operation am Herzen.“ In: Süddeutsche Zeitung. (Stand: 4.2.2018)

Harris, Ian (2016). Surgery, the ultimate placebo: A surgeon cuts through the evidence. Sydney: NewSouth Publishing.

Maly-Samiralow, Antje (2014). Das Prinzip Placebo: Wie positive Erwartungen gesund machen. München: Knaur MensSana.

Newman, David (2014). „Placebo surgery: More effective than you think?” In: The Huffington Post. (Stand: 4.2.2018)

Siegmund-Schultze, Nicola (2008). „Schein-Op: der Placebo-Effekt täuscht auch Chirurgen.“ In: Ärzte Zeitung. (Stand: 4.2.2018)

Taylor, Steve (2017). „Sham Surgery: Can healing take place without treatment?” In: Psychology Today. (Stand: 4.2.2018)

Till, Ulrike (2017). „Placebo-Stents: Auch Schein-Operation hilft.“ In: SWR2. (Stand: 4.2.2018)

Tischer, Hildegard (2010). „Placebo: Und es wirkt doch.“ In: Pharmazeutische Zeitung 28. (Stand: 4.2.2018)

„Placeboeffekt: Patienten mit Kniebeschwerden nach Schein-OP wieder gesund“ (2017). In: bigFM. (Stand: 4.2.2018)

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