Jin Shin Jyutsu: Die Kunst des japanischen Heilströmens (Teil 2)

Dies ist die Fortsetzung zum gleichnamigen Beitrag, Teil 1.

„Energieschlösser“: Definition, Funktion und Lage

Jiro Murai entdeckte 26 Energieschlösser, die paarweise angelegt sind und jeweils auf der Vorder- und Rückseite des Körpers verlaufen. Sie entspringen auf den Betreuerströmen, von denen wir schon im vorangegangenen Teil gehört haben. Im Grunde handelt es sich dabei um energetische Zentren, die circa sieben Zentimeter Durchmesser haben. Jeder dieser Energieschlösser ist mit bestimmten Organen, Körperteilen sowie psychischen Aspekten verknüpft.

Durch Berührung dieser Punkte wird dem Körper der Impuls gegeben, die Lebensenergie zu erneuern und zu harmonisieren, was auf physischer Ebene eine verjüngende Wirkung hat. Ist jedoch der Durchfluss an diesen Stellen aus irgendwelchen Gründen blockiert, zeigt sich das in Form von Verhärtungen und Verspannung im umgebenden Gewebe.

Was versteht man unter „Strömen“?

„Strömen“ ist im Jin Shin Jyutsu der fachliche Ausdruck für das Auflegen der Finger auf die besagten Energieschlösser sowie die Mobilisierung des Energieflusses. In ähnlicher Weise, wie das Starterkabel die Autobatterie wieder in Schwung bringt, so schubsen auch die Finger die Lebensbatterie an.

Es gibt nun bestimmte Kombinationen, in welchen die Energieschlösser berührt bzw. gehalten werden können. Wenn Sie dies ausprobieren, werden Sie merken, dass etwas unter ihren Fingern wie auch in Ihrem Inneren geschieht. Es kann sein, dass Sie dabei ein wohliges Gefühl der Wärme, ein Ziehen, Kribbeln oder auch Pulsieren verspüren. Das Strömen kann in seltenen Fällen sogar ein Stechen oder Schmerzen hervorrufen. Dies ist jedoch kein Grund zur Besorgnis, denn das ist ein Anzeichen dafür, dass der Körper mit dem Heilungsprozess begonnen hat. Was Sie außerdem noch fühlen werden, ist ein angenehmes Loslassen, Entspannung und Stille.

Während des Strömens können ebenso alte Gedanken oder verdrängte Gefühle an die Oberfläche kommen. Diese zeigen sich jedoch nur in dem Ausmaß, in welchem Sie sie im gegenwärtigen Moment verarbeiten können. Im Jin Shin Jyutsu wird nichts forciert!

Da das detaillierte Eingehen auf die möglichen Kombinationen von Energieschlössern den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde, möchte ich Sie auf das schon im ersten Teil vorgestellte Buch Jin Shin Jyutsu von Waltraud Riegger-Krause hinweisen.

Wirkung des Strömens auf…

… die körperliche Gesundheit:

  • Zellen, Gelenke und Gewebeschichten können besser versorgt werden, da die Lebensenergie frei fließt.
  • Der Organismus wird effektiver entgiftet.
  • Die Funktionsweise der Organe wird gestärkt und der Stoffwechsel angeregt.
  • Der Körper kann sich tief entspannen, was sowohl vegetative wie auch funktionelle Disharmonien ausgleicht.
  • Verdauung und Kreislauf werden angeregt und ausbalanciert.
  • Das Immunsystem wird gestärkt.

… die geistige Balance:

  • Negative Gedankenmuster werden aufgelöst.
  • Behindernde und destruktive Überzeugungen werden ins Positive transformiert.
  • Gelassenheit und Heiterkeit stellen sich ein.
  • Es treten vermehrt „Aha-Erlebnissen“ auf.
  • Geistige Klarheit wird gesteigert.
  • Das Bewusstsein erweitert sich.

… das emotionale Wohlbefinden:

  • Die Laune verbessert sich deutlich und negative Stimmungen verschwinden.
  • Lebenszusammenhänge werden verständlicher und das Selbstbewusstsein wird gestärkt.
  • Unkonstruktive Verhaltensmuster werden aufgelöst.
  • Negative Einstellungen wie Sorgen, Wut, Trauer oder Ängste werden harmonisiert.
  • Emotionale Traumata können heilen.
  • Die Ausstrahlung wächst.

Rolle des Atems im Jin Shin Jyutsu

Die Lebensenergie wird vom Körper u.a. über die Energiebahnen mit ihren Energieschlössern wie auch über jeden einzelnen Atemzug aufgenommen. Jiro Murai sagte einmal zu Mary Burmeister:

Eines Tages wirst du verstehen, dass alles, was wir zur Harmonie und Ausgeglichenheit brauchen, im Atem und in den Fingern steckt.

Durch den Atem nehmen wir also Lebensenergie auf, die uns laufend reinigt und erneuert. Je ruhiger, gleichmäßiger und tiefer Sie atmen, desto ausgeglichener und innerlich ruhiger werden Sie. Beim Ausatmen fließt die Lebensenergie an der Vorderseite des Körpers vom Kopf zu den Füßen hinunter. Wenn wir ausatmen, fließt sie auf der Körperhinterseite von den Füßen zum Kopf wieder hoch. Während wir uns bei der Ausatmung leer machen und loslassen, strömt die Energie beim Einatmen wieder in uns hinein und regeneriert den Körper.

Es gibt viele Arten bewusst zu Atmen. Einige wirkungsvolle Techniken finden Sie im Beitrag „Gesund und fit durch die Kraft des Atems“. Mary Burmeister empfiehlt folgende Übung:

  • Setzen Sie sich aufrecht und entspannt hin. Umarmen Sie sich selbst und platzieren Sie Ihre Hände so unterhalb der Achselhöhlen, dass beide Daumen vorne am Brustkorb aufliegen.
  • Lassen Sie den Kopf ganz leicht nach vorne sinken, so, dass Sie sein Gewicht nicht spüren.
  • Machen Sie Ihre Augen zu und lenken Sie ihre Aufmerksamkeit nach innen.
  • Atmen Sie ganz leicht ein und aus und beobachten Sie, wie die Luft in Ihren Körper eintritt und wieder ausströmt. Lassen Sie den Atem ganz natürlich fließen und lenken Sie ihn nicht.
  • Stellen Sie sich beim Ausatmen vor, wie die Lebensenergie vorne im Körper vom Kopf bis zu den Zehen hinunterfließt und mit jedem neuen Atemzug hinten im Körper wieder hinauffließt.
  • Wenn Gedanken oder Emotionen aufkommen, atmen Sie ruhig weiter und lassen Sie sie einfach weiterziehen.
  • Führen Sie diese Übung so lange durch, wie es für Sie angenehm ist. Empfohlen werden 36 bewusste Ein- und Ausatmungen.

Fingerübung zur Harmonisierung der Gedanken

Sie haben es bestimmt schon gehört oder bereits selbst wiederholt diese Erfahrung gemacht, dass, wenn Sie den Fokus Ihrer Gedanken verändern, sich auch Ihr Leben dementsprechend verändert. Es ist ebenso kein großes Geheimnis, dass die Art, wie wir denken, unser Befinden beeinflusst. Konzentrieren wir uns auf negative Dinge oder Themen, dann verschlechtert sich unsere Stimmung. Wird das zu einer chronischen Angewohnheit, schlägt sich das mitunter auch in körperlichen Symptomen nieder. Denken wir hingegen an etwas Schönes, wie einen Geliebten oder an ein Haustier, wird es uns warm ums Herz und unsere Stimmung hellt sich rasch auf.

Im Jin Shin Jyutsu werden fünf Einstellungen unterschieden, die mithilfe der Fingerübung wieder harmonisiert werden können:

Über Finger Gefühlszustände beeinflussen

Abbildung: Jeder Finger beeinflusst eine oder auch mehrere bestimmte Einstellung(en).

Einstellungen und ihre körperlichen Entsprechungen

So führen Sie die Übung durch

Das Fingerhalten können Sie ganz leicht in Ihren Alltag integrieren, da es sowohl im Liegen, Sitzen als auch im Stehen praktiziert werden kann. Alles, was Sie dazu benötigen, sind zwei freie Hände. Dabei ist es unwichtig, ob sie die Finger Ihrer rechten oder linken Hand halten. Sollten Sie das Halten eines konkreten Fingers als unangenehm empfinden, dann bedeutet dies, dass dieser Finger ganz besonders Ihre Zuwendung braucht. Falls Sie andererseits das Gefühl haben, einen bestimmten Finger halten zu wollen, dann tun Sie das!

Wie lange Sie die jeweiligen Finger umschließen, hängt ganz von Ihnen ab. Üblicherweise kann jeder Finger zwischen zwei und zwanzig Minuten lang gehalten werden. Schauen Sie einfach, welche Zeitdauer sich für Sie am angenehmsten anfühlt.

Noch ein Tipp

Auch die Handinnenflächen haben einen spezifischen harmonisierenden Effekt: Sie bringen Ihr ganzes Wesen in Balance. Um diese Wirkung zu nützen, legen Sie die Finger der einen Hand in die Innenfläche der anderen Hand und umgekehrt. Sie können ebenfalls Ihre Hände wie zum Gebet falten. Achten Sie dabei allerdings darauf, dass sich nicht nur die beiden Handinnenflächen, sondern auch die Finger gegenseitig berühren.

 


Kessler, Nicola / Christiane Kührt (2015). Jin Shin Jyutsu: Beschwerdefrei durch die sanfte Kunst des Heilströmens. München: Gräfe und Unzer Verlag.

Riegger-Krause, Waltraud (2015). Jin Shin Jyutsu: Einfach Anwendung zur Selbsthilfe. München: Irisiana Verlag.

Weick, Karin (o.J.). „Wie funktioniert Jin Shin Jyutsu?“ In: Jin Shin Jyutsu – Deine Gesundheit liegt in Deinen Händen. (Stand: 16.4.2018)

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