Für immer jung: Warum wir nicht altern müssen

Du fragst dich wohl, was dieser Titel überhaupt soll. Schließlich sieht man doch überall ältere Menschen. Und man braucht hier auch gar nicht so weit zu suchen: Denn bei der täglichen Begutachtung im Spiegel hast du vermutlich auch schon die ersten Fältchen im Gesicht entdeckt oder – ach, du lieber Schreck! – vielleicht sogar das erste graue Haar.

Immer wieder höre ich, wie bereits Zwanzigjährige darüber witzeln, dass sie schon die ersten Alterserscheinungen an sich erkennen können. Je älter die Menschen werden, desto mehr wird das Zwicken hier, das Zwacken dort, die nicht mehr so schöne Figur, die nicht mehr so scharfe Sehkraft und, und, und… dem Alterungsprozess gerne in die Schuhe geschoben. “Du wirst es schon selbst sehen und spüren, wenn du mal in meinem Alter bist!” sagen sie mit einer mitleidigen Stimme und scheinen allein beim Aussprechen dieses Satzes noch mehr in sich zusammenzubrechen. Fernsehen, Magazine, Radio, Werbung – das Thema Altern mit all seinen unschönen Konsequenzen ist allgegenwärtig.

Doch ist das Älterwerden wirklich so selbstverständlich und unausweichlich, wie wir glauben? Müssen wir überhaupt alt werden? Und falls nicht, warum scheinen Menschen auf der ganzen Welt dieselbe Erfahrung zu machen?

Seit Jahrzehnten haben Forscher genau diese Fragen zum Kernpunkt ihrer Studien gemacht. Ihre Resultate verweisen unentwegt auf eine und dieselbe Erkenntnis: Altern ist weder natürlich noch biologisch bedingt!

Warum also sehen wir um uns herum alternde Menschen? Wenn es nicht die Biologie des Körpers ist, die dafür verantwortlich ist, was ist es dann?

Deine Gedanken bestimmen wie du alterst

Unsere Körper glauben daran, was unser Kopf sagt. Wir wissen, dass unsere Einstellungen in jedem Alter unser körperliches und seelisches Wohlbefinden beeinflussen.
~ Jason Bliss

Ich weiß, ich hätte hier einen Spannungsbogen aufbauen und die Antwort länger hinauszögern können. Aber bäääm! Da ist es – die ungeschminkte Wahrheit: DU bist dafür verantwortlich, dass du überhaupt alterst, in welchem Tempo und in welchem Ausmaß du es tust! Es sind dein Mindset, deine Überzeugungen zum Thema, deine täglichen Gedanken, die das Altern in Gang setzen.

Dass der Geist den Körper steuert, ist heutzutage kein großes Geheimnis mehr. Der Placeboeffekt ist sogar den überzeugtesten Materialisten bekannt. Auch im Bereich der Schulmedizin hat man genug Erfahrung gesammelt, um zu wissen, dass der menschliche Geist – Gedanken und Überzeugungen – die körperlichen Vorgänge sowie den gesundheitlichen Zustand des Körpers gänzlich beeinflussen können, bis hin zu den Genen. Und wer wenigstens ein bisschen in die Quantenphysik hineingeschnuppert hat, weiß um die innige Verwobenheit von Bewusstsein und Materie.

Eine Forscherin, die sich bereits seit 45 Jahren intensiv mit der Thematik des Alterns bzw. Jungbleibens befasst, ist die Harvard-Sozialpsychologin Ellen Langer, auch unter dem liebevollen Beinamen “Mutter positiver Psychologie” bekannt. Die Wechselwirkung von Denkweise und Gesundheit wie auch die Vereinheitlichung von Geist und Körper hat sie zum Kernpunkt ihrer Arbeit gemacht. Denjenigen, die sich ihre Forschungen im Detail ansehen möchten, stehen über 200 Artikel und elf Bücher zur Verfügung, die Langer bislang veröffentlicht hat. Darunter ist eine Publikation besonders erwähnenswert: Counterclockwise: Mindful health and the power of possibility – wortwörtlich übersetzt: “Gegen den Uhrzeigersinn: Achtsame Gesundheit und die Macht der Wahrscheinlichkeit” (im Buchhandel findet man die deutschsprachige Version unter dem Titel Die Uhr zurückdrehen).

Studie: Stell’ dir vor, du bist jetzt 20 Jahre jünger…

In Die Uhr zurückdrehen setzt sich Langer mit folgenden zwei Fragen auseinander:

  • Kannst du dich daran erinnern, wer du vor 20 Jahren warst und wie du dich damals gefühlt hast?
  • Falls ja, wie könnte dies heute deinen Körper und Geist beeinflussen?

Von diesen Fragen ausgehend, führten Langer und ihre Studenten 1979 eine Studie mit 70- bis 80-jährigen männlichen Teilnehmern durch. Die Testpersonen kamen entweder aus einem Pflegeheim oder waren im Alltag auf die Hilfe von Familienmitgliedern angewiesen. Viele von ihnen waren nicht mehr imstande sich ohne Gehhilfe fortzubewegen.

Vor Beginn der Studie wurden die Teilnehmer auf Biomarker – vom Gedächtnis, Kognition, Flexibilität, Geschicklichkeit, Griffstärke bis hin zum Hör- und Sehvermögen – getestet. Daraufhin unterteilte man die Männer in zwei Gruppen und brachte sie in ein Retreatzentrum, welches einrichtungstechnisch dem Jahr 1959 (also vor 20 Jahren) nachempfunden war. Der zeitlichen Authentizität wegen gab es im Wohnbereich nur einen Schwarz-Weiß-Fernseher, in dem nur Fernsehprogramme und Filme aus dem Jahr 1959 und davor zu sehen waren, es gab zeitgemäße Küchengeräte sowie einen Plattenspieler mit einer Schallplattensammlung aus den besagten Jahren. Auch die Zeitschriften auf dem Couchtisch waren mit 1959 oder einer früheren Jahreszahl datiert. Zudem wurden sämtliche Spiegel entfernt, und den Testpersonen war es ausschließlich erlaubt äragetreue Kleidung zu tragen.

Jeder Teilnehmer wurde darüber aufgeklärt, dass er Teil einer Studie ist, nicht aber darüber, dass es bei dieser um das Altern geht. Die erste Testgruppe bekam die Aufgabe sich an vergangene Ereignisse zu erinnern. Die andere Gruppe hingegen wurde angewiesen, so zu tun, als lebte sie tatsächlich im Jahr 1959. Darunter fielen beispielsweise Unterhaltungen, die sich nur um die im Jahr 1959 und davor aktuellen Themen drehten. In beiden Fällen wurden die Testpersonen so behandelt, als wären sie wirklich 20 Jahre jünger: Sie mussten ihr eigenes Gepäck tragen, beim Abendessenrichten oder Aufräumen mithelfen.

Grafik: Entwicklung des Menschen bis zum Erwachsenenalter, danach gleichbleibend. Ewig jung.

Abbildung: Die Forschung bestätigt, dass es keinen biologischen Grund für die Alterung des Körpers gibt. Durch die richtige Programmierung und aufmerksames Wahrnehmen ist es möglich körperliche und geistige Gesundheit dauerhaft aufrechtzuerhalten.

Nach Abschluss des Experiments wurden alle Männer abermals auf Biomarker getestet. Die Ergebnisse waren so erstaunlich, dass Langer zunächst zögerte diese zu veröffentlichen, da sie befürchtete als Wissenschaftlerin nicht ernst genommen zu werden. In beiden Testgruppen traten nämlich bemerkenswerte Verbesserungen beim Hör-, Sehvermögen sowie der Gedächtnisleistung auf. In der Gruppe, die so tun musste, als würde sie im Jahr 1959 leben, traten sogar noch beträchtlichere Veränderungen auf: Man stellte bei den Probanden eine verbesserte Körperhaltung, einen schnelleren Gang, größere Flexibilität und eine höhere manuelle Geschicklichkeit fest. Außerdem wurde bei 63% der Testpersonen aus dieser Gruppe ein Anstieg in der Intelligenz festgestellt.

Beeindruckend war ebenso die Tatsache, dass die Teilnehmer unmittelbar nach ihrer Ankunft selbstständig zu funktionieren begannen. Nicht nur unabhängige Beobachter beurteilten das Aussehen der Senioren als vitaler und jünger, auch die Vorher-Nachher-Bilder zeigten einen deutlichen visuellen Unterschied.

“Friseursalon-Studie”: Ist der Placeboeffekt für das Altern verantwortlich?

Langers Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass sich mit jeder Art von Placebo das Wohlbefinden steigern lässt. Entgegen der üblichen Auffassung, sind Placebos nämlich nicht bloß als Medikamente getarnte Pillen. Es handelt sich dabei vielmehr um einen harmlosen Eingriff, der vom Empfänger als wirkungsstark empfunden wird und messbare physiologische Veränderungen hervorruft. Dennoch schreibt Langer dem Placeboeffekt eine weitaus signifikantere Rolle zu als der aktuell anerkannte Wissenschaftsstand. Ihrer Meinung nach ist der Placeboeffekt nicht nur am Altern mitbeteiligt, sondern der Hauptfaktor dafür!

Dabei verweist sie auf eine Studie, die sie und ihre Kollegen 2009 in einem Friseursalon durchführten. Ziel dieser war es, die Korrelation zwischen den Erwartungen, die das Alter betreffen, und körperlicher Gesundheit zu untersuchen. Die Testgruppe bestand aus 47 Frauen im Alter von 27 bis 83 Jahren, welchen die Haare geschnitten und/oder gefärbt wurden. Im Vorfeld wurde bei den Probandinnen der Blutdruck gemessen. Die Ergebnisse der Studie wurden 2010 in der Zeitschrift Perspectives on Psychological Science veröffentlicht und besagten, dass der Blutdruck derjenigen Testpersonen, die sich nach dem Umstyling jünger fühlten, deutlich gefallen war.

Wenn also die persönliche Einstellung zum Altern den Alterungsprozess in Gang setzt und diesen auch steuert, wie können wir dann unsere Erwartungshaltung der Thematik gegenüber dauerhaft verändern?

Fixes Mindset vs. dynamisches Mindset

In ihrem Buch Selbstbild: Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt (engl. Mindset: The new psychology of success) beschäftigt sich Psychologin Carol Dweck mit dem Konzept der fixen Denkweise und veranschaulicht, wie diese sowohl Lernen als auch Wachstum behindern kann. Hat eine Person eine eingefahrene Denkweise – sie ist beispielsweise davon überzeugt, dass sie keine Liegestütze machen kann –, kommt weder ein Lernprozess zustande noch wird der Versuch unternommen die Liegestütze zu meistern. Das fixe bzw. statische Mindset orientiert sich an einer Schwarz-Weiß-Mentalität, in der es keinerlei Abstufungen, sondern nur Erfolg und Misserfolg, Fähigkeit und Unfähigkeit, Talentiertheit und Talentlosigkeit, etc. gibt.

Ein dynamischen Mindset dagegen ist durch seine Veränderbarkeit sowie Multidimensionalität für die Flexibilität förderlich. Es ist auf Lösungsfindung sowie auf Wachstum durch Herausforderungen ausgerichtet. Denn, wer mit einer Wachstumsmentalität an eine bestimmte Situation herangeht, schafft neue Möglichkeiten. Für Personen mit einem dynamischen Mindset ist der Misserfolg Teil des Weges zum Erfolg.

Wenn wir aktiv neue Unterscheidungen treffen und uns nicht auf gewohnheitsmäßige Kategorisierungen verlassen, leben wir. Und solange wir leben, können wir besser werden. ~
Ellen Langer

Mit den negativen Auswirkungen eines fixen Mindsets befasst sich auch Ellen Langer seit Jahren. Ihre Forschungen deuten darauf hin, dass das, wer wir sind und was wir für machbar bzw. möglich halten, von den Geschichten beeinflusst wird, die wir über uns selbst erzählen.

Die 3 To-Dos für ein dynamisches Mindset

Sei neugierig

Neugier lockert festgefahrene Denk- und Verhaltensmuster auf  und macht uns für Veränderungen offen. Indem du Fragen stellst wie “Wie könnte ich das sonst noch sehen?”, “Was könnte ich stattdessen noch versuchen?”, “Wer könnte ich sonst noch sein?”, erschließt du für dich neue Sichtweisen und damit auch neue Lösungswege und Antworten.

Höre auf deine innere Stimme

Die klischeehaften Bemerkungen und Erzählungen, die wir wiederholt über das Altern zu hören bekommen, sind nichts anders als eine Gehirnwäsche. Richte stattdessen deine Aufmerksamkeit nach Innen und höre auf das, was dir dein inneres Selbst zu sagen hat.

Doch wie schafft man es, sich von kulturellen Normen abzukoppeln und die eigene innere Wahrheit klar und deutlich wahrzunehmen? Nun, dies erfordert natürlich Übung sowie ein sich Zurücknehmen aus dem Alltag, indem du dir zum Beispiel Zeit zum Reflektieren nimmst oder einer entspannenden Tätigkeit nachgehst. Dies wird dir dabei helfen, dich in andere Seinszustände einzuklinken.

Nutze deine Imagination

Damit sich etwas Altes aus deinem Leben verabschieden kann, muss es vorerst durch etwas Neues ersetzt werden. Doch wie kannst du das bewerkstelligen, wenn das Neue noch nicht in dein Leben getreten ist? Dafür haben wir Menschen ein geniales Tool: die Imagination.

Wie du bestimmt schon weißt, ist es für das Gehirn unerheblich, ob du etwas Reeles wahrnimmst oder etwas Imaginiertes. Insofern kannst du deine Vorstellungskraft dazu nutzen, dir eine erwünschte, alternative Seinsweise, deine neue Rolle darin sowie all die neuen Möglichkeiten, die sich für dich damit eröffnen werden, vor deinem geistigen Auge auszumalen. Erst dann kann sich das Neue in deinem Leben manifestieren.

Imagination ist im Grunde nichts anderes als ein Akt der Kreativität. Es liegt in unserer Natur Geschichten zu erfinden, mit der Realität zu spielen, so zu tun als ob und auf diese Weise das Konzept unseres Selbst zu erweitern. Nimm dir also Zeit und lasse deiner Fantasie freien Lauf. Erfinde eine neue Geschichte über das neue vitale, starke und zu allem fähige Ich, das du sein möchtest.

Eine Geschichte wirkt auch, wenn sie gelogen ist

Jeden, der versucht über einen Lebensbereich, den er gerne verändern möchte, eine neue Geschichte zu erzählen, beschleicht häufig das Gefühl sich selbst anzulügen. Doch wieder zeigen uns Studien, dass es für das Ergebnis keinen Unterschied macht, ob man etwas für wahr hält oder für eine Lüge.

In einer Studie, die 2010 in der Zeitschrift PLOS ONE publiziert wurde, verabreichten Ted Kaptchuk, Medizinprofessor an der Harvard Medical School, und seine Kollegen einer Testgruppe von unter Reizdarm leidenden Patienten Placebos, die sogar mit dem Wort “Placebo” beschriftet waren. Obwohl die Personen wussten, dass es keine wirklichen Medikamente sind, verringerten sich ihre Symptome maßgeblich im Vergleich zur Kontrollgruppe, die keine derartige Behandlung erhielt.

Wer also eine neue Geschichte über seinen sich ständig erneuernden, vor Vitalität nur so strotzenden, jungen und agilen Körper erzählen möchte, dem steht damit nichts mehr im Wege.

Die Macht des Primings: Wie du dich richtig programmierst

Wie sehr sich das, was wir um uns herum wahrnehmen, auf unser künftiges Erleben auswirkt, ist nur den Wenigsten bewusst. Untersuchungen haben gezeigt, dass sogar das Lesen von Wörtern, die mit dem Alter oder Älterwerden zu tun haben, das Anschauen von Fotos, auf denen ältere Menschen bzw. Objekte, die mit dem Altern assoziiert werden, zu sehen sind, den Körper auf langsamere und begrenztere Reaktionen programmieren. Dieser Effekt betraf sowohl die Bewegungsfähigkeit, das Seh-, Hör- und Gedächtnisvermögen wie auch die kognitiven Fähigkeiten.

Dass alleine das Beobachten unerwünschter Umstände die Reaktionen unseres Körpers negativ beeinflussen kann, verdeutlicht ein von Ellen Langer durchgeführtes Experiment. Die Forscherin gab einer Gruppe gesunder Testpersonen die Aufgabe sich unwohl zu fühlen. Den Probanden wurden Videos mit hustenden und niesenden Menschen gezeigt. Zusätzlich wurden sie aufgefordert die bereitgestellten Taschentücher zu nutzen und so zu tun, als ob sie erkältet wären.

Nach Abschluss des Experiments traten bei 40% der Testpersonen Erkältungssymptome auf. Ebenso wurde der Speichel der Probanden auf IgA-Antikörper untersucht – ein Indiz für eine erhöhte Reaktion des Immunsystems. In der Tat wies der Speichel dieser Versuchspersonen ein dementsprechend höheres Level an IgA-Antikörpern auf.

In einer weiteren Studie konnten Psychologin Beccy Levy und ihre Kollegen feststellen, dass Personen mit einer positiven Einstellung zum Altern durchschnittlich 7,5 Jahre länger lebten als Probanden mit einer negativen Einstellung.

So denkst du dich jung

Anleitung - Tipps: So denkst du dich jung

 


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