Placebos, Schein-OPs und Co.: Was sie über das wahre Potential von Geist und Körper aussagen (Teil 1)

Placebo, das aus dem Lateinischen übersetzt „ich werde gefallen“ bedeutet, und der Placebo-Effekt sind heute allgemein gängige Begriffe. Schon zu Hippokrates Zeiten bekannt und eingesetzt, werden sie zumeist dem Kontext der Scheinmedikation zugeordnet. Doch Placebo beschränkt sich nicht nur auf die Einnahme wirkstoffloser bunter Pillen oder auf das Eincremen mit wundersamen Salben – es erstreckt sich auf Medizinbereiche, die von Scheinakupunkturen bis hin zu vorgetäuschten chirurgischen Eingriffen reichen (Maly-Samiralow 2014; Siegmund-Schultze 2008; Taylor 2017; Tischer 2010). Der Grund, warum es eine derartige Faszination auf Mediziner, Wissenschaftler und Interessierte ausübt, ist, dass es die gleiche Wirkung hat wie seine echten Pendants, und zum Teil sogar noch effektiver ist! (Maly-Samiralow 2014; Taylor 2017).

Was ist der Placebo-Effekt?

Bevor wir jedoch tiefer in diese Thematik und ihre Details eintauchen, sollte an dieser Stelle eine präzisere Beschreibung dieses Phänomens vorausgeschickt werden. Unter Placebo-Effekt werden grundsätzlich körperliche wie auch psychische Reaktionen verstanden, die zur Besserung bzw. gänzlicher Wiederherstellung der Gesundheit führen und nicht auf spezifische, von außen zugeführte Wirkstoffe oder physische nichtinvasive und invasive Maßnahmen zurückgeführt werden können.

Einfache und doppelt verblindete Studien

Die Wirksamkeit des Placebo-Effekts kann im Rahmen sog. einfacher oder doppelt verblindeter Studien ermittelt werden. Im ersteren Fall wissen die Teilnehmer nicht, ob die Behandlung echt oder nur vorgetäuscht ist. Die mitwirkenden Ärzte hingegen sind eingeweiht. Im zweiteren Fall wissen weder die behandelnden Ärzte noch die Probanden, wer einer echten oder Pseudo-Behandlung unterzogen wird. Dies hat den Vorteil, dass die teilnehmenden Gruppen von den Ärzten die gleiche Fürsorge und Aufmerksamkeit erhalten (Maly-Samiralow 2014).

Schein oder nicht Schein, das ist hier die Frage…

Obwohl Placebos in Form von Pillen oder Cremes in ihrer Effektivität nicht minder beeindruckend sind, versetzen sie auf dem Gebiet chirurgischer Eingriffe Jedermann ins Staunen. Studien, welche die Wirksamkeit echter und vorgetäuschter OPs – im Fachjargon als Schein-OPs bezeichnet –, vergleichen, deuten darauf hin, dass es nicht unbedingt die Operationen selbst sind, die die Behandelten wieder gesunden lassen.

Vorgetäuschte arthroskopische Gelenkspülungen

Die Arthroskopie galt lange Zeit als Standardtherapie zur Behandlung von Kniegelenksarthrosen.  Dabei werden unter anderem verletzte und abgenutzte Gewebestrukturen abgetragen und das Gelenk mit einer Kochsalzlösung ausgespült, um Gewebereste zu beseitigen. Die dafür notwendigen Instrumente werden mittels weniger Schnitte in die Haut in das Gelenk eingebracht (Taylor 2017).

Um zu überprüfen, ob die Linderung der Beschwerden, die sich nach einer solchen Arthroskopie üblicherweise einstellt, nicht auch auf den Placebo-Effekt zurückzuführen sei, teilte der Orthopäde Bruce Moseley für seinen Versuch 180 betroffene Personen nach dem Zufallsprinzip in drei Gruppen ein. Bei zwei Gruppen wurde die Arthroskopie nach allen Regeln der Kunst durchgeführt. Der dritten Gruppe wurde dagegen nur vorgegaukelt, am Knie operiert zu werden. Moseley ritzte auch ihre Haut ein, was den Anschein eines Eingriffs dramatisch untermauern sollte. Er und seine Kollegen werkelten am Bein der Probanden herum, als würden sie wirklich das Gelenk glätten und spülen. Dazu täuschten sie sogar Spülgeräusche vor. Als die zum Schein am Knie Operierten aus der Narkose erwachten, konnten sie sich über dieselben Ergebnisse freuen wie die tatsächlich Arthroskopierten (Siegmund-Schultze 2008; Taylor 2017).

In seinem Buch Surgery, the ultimate placebo (Operation, das ultimative Placebo) griff Ian Harris (2016) das Experiment nochmals auf und stellte fest, dass alle drei Gruppen auch zwei Jahre später schmerzfrei und völlig gesund waren.

Zu den gleichen Resultaten gelangten auch zwei finnische Studien, bei denen einerseits Patienten mit einem beschädigten Meniskus, andererseits mit einem gerissenen Kreuzband scheinoperiert wurden (Newman 2014; Taylor 2017).

Selbstverständlich reicht die anatomische Wirkungsbandbreite des Placebo-Effekts in der Chirurgie weit über die Knie hinaus. Die folgenden zwei Studien zeigen besonders eindrucksvoll, zu welchen Leistungen das Geist-Körper-Gefüge fähig ist und lassen das unermessliche Potential erahnen, das in unseren Selbstheilungskräften steckt.

Eingebildete Stents

200 Patienten mit Angina Pectoris nahmen an dem doppelt verblindeten Versuch des britischen Teams um Kardiologin Rasha Al-Lamee teil. Der einen Hälfte wurde ein Stent in das eingeengte Gefäß gelegt. Die andere Hälfte wurde zwar ebenso für mindestens 15 Minuten sediert und bekam einen Katheter in die Leistenarterie eingeführt, dieser wurde jedoch nach einiger Zeit wieder gezogen, ohne dass ein Drahtröhrchen in den Koronarien verankert wurde (Bartens 2017). Die sechs Wochen später durchgeführte Nachuntersuchung, bei welcher alle Probanden auf dem Laufband ihre Fitness unter Beweis stellen mussten, ergab, dass die Pseudo-OP genauso erfolgreich war wie der echte Eingriff (Till 2017).

Kein Knochenzement in den Wirbeln

Der Radiologe David Kallmes von der renommierten Mayo Clinic in Minnesota führte schon seit Jahren Vertebroplastien durch, bei welchen gebrochene oder poröse Wirbel durch das Injizieren von Knochenzement stabilisiert werden. Gelegentlich traten während der OP Fehler auf – das Zement wurde bspw. in den falschen Wirbel eingespritzt u.Ä. –, doch auch in diesen Fällen trat die übliche Verbesserung beim Behandelten auf. Er beschloss daraufhin ein Experiment mit 130 Patienten durchzuführen, um nachzuprüfen, ob hier nicht der Placebo-Effekt am Wirken war.

Die erste Gruppe wurde einer echten Vertebroplastie unterzogen, während die zweite, wie beim normalen Vorgang, anästhesiert und lediglich fest am Rücken gedrückt wurde. Das Resultat war, dass beide Gruppen dieselbe Linderung erfuhren und Aktivitäten wie Gehen oder Stiegensteigen im gleichen Ausmaß leichter ausführen konnten (Newman 2014; Taylor 2017). (Weiter zu Teil 2.)

 


Bartens, Werner (2017). “Pseudo-Operation am Herzen.“ In: Süddeutsche Zeitung. (Stand: 4.2.2018)

Harris, Ian (2016). Surgery, the ultimate placebo: A surgeon cuts through the evidence. Sydney: NewSouth Publishing.

Maly-Samiralow, Antje (2014). Das Prinzip Placebo: Wie positive Erwartungen gesund machen. München: Knaur MensSana.

Newman, David (2014). „Placebo surgery: More effective than you think?” In: The Huffington Post. (Stand: 4.2.2018)

Siegmund-Schultze, Nicola (2008). „Schein-Op: der Placebo-Effekt täuscht auch Chirurgen.“ In: Ärzte Zeitung. (Stand: 4.2.2018)

Taylor, Steve (2017). „Sham Surgery: Can healing take place without treatment?” In: Psychology Today. (Stand: 4.2.2018)

Till, Ulrike (2017). „Placebo-Stents: Auch Schein-Operation hilft.“ In: SWR2. (Stand: 4.2.2018)

Tischer, Hildegard (2010). „Placebo: Und es wirkt doch.“ In: Pharmazeutische Zeitung 28. (Stand: 4.2.2018)

„Placeboeffekt: Patienten mit Kniebeschwerden nach Schein-OP wieder gesund“ (2017). In: bigFM. (Stand: 4.2.2018)

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