Das plastische Gehirn – je älter, desto besser

Weil man üblicherweise vom Gehirn in Begriffen wie „Verschaltungen“, „Schaltkreise“, „Netzwerke“ oder „Abteilungen“ spricht, etablierte sich in unserer Vorstellung das Bild von etwas Festgefügtem. Doch Forschungsstudien enthüllen, dass das Gehirn in Wahrheit ein sich ständig wandelndes, anpassendes und flexibles Konstrukt ist. Man bezeichnet diese Wandelbarkeit als Gehirnplastizität bzw. Neuroplastizität. Es handelt sich dabei um die Fähigkeit des Gehirns Neuronen anatomisch und funktionell zu regenerieren und neue synaptische Verbindungen herzustellen, sich also immer wieder neu zu strukturieren.

Nicht umsonst gibt es im englischen Sprachgebrauch die Redewendung „I have changed my mind“ – „Ich habe meine Meinung/Geist geändert“.

Lange galt in der Wissenschaft die Überzeugung, dass abgestorbene Neuronen in einem erwachsenen Gehirn nie mehr durch neue ersetzt werden könnten. Dies wurde jedoch widerlegt und die Neurogenese (Bildung und Vermehrung neuer Neuronen im Gehirn) seit 1944 weitläufig anerkannt. Nachfolgende Forschungen ergaben, dass vor allem nach einem plötzlichen Absterben von Nervenzellen (z.B. nach einem Schlaganfall), Neurogenese besonders stark angeregt wird. Das bedeutet also: Je intensiver der Ansporn, desto stärker die Reproduktion von Neuronen!

Als „Mutter der Neuroplastizität“ gilt Marian Diamond, die erstmals aufzeigen konnte, dass das Gehirn schrumpft oder wächst, je nachdem wie stark es stimuliert wird und das unabhängig vom Alter. Henry Mahncke und seine Kollegen kamen sogar zu dem Ergebnis, dass durch fortwährende Stimulation des Gehirns die kognitiven Fähigkeiten mit dem Alter nicht nur gleichbleiben, sondern mit der Zeit noch weiter gesteigert werden können!

Was verursacht nun diese Plastizität und kann diese gezielt gefördert werden? Es tut gut zu wissen, dass dieser Prozess automatisch abläuft sobald wir unsere Aufmerksamkeit fokussieren, Herausforderungen meistern oder Neues erlernen. Das Gehirn bildet hierbei neue Verbindungswege, die sich durch tägliches Verwenden und Üben festigen, anders ausgedrückt: die synaptische Kommunikation zwischen den Neuronen wird gestärkt.

Es gibt aber auch Möglichkeiten, wie Gehirnplastizität bewusst angeregt werden kann. Eine davon ist, schlicht und einfach, das Denken. Und Denken ist nicht bloß Kopfkino! Ob Spitzensportler, weltbekannte Opernsänger oder andere Profis, die außergewöhnliche Leistungen erbringen, sie alle haben eines gemeinsam: Sie wissen um die Macht ihrer Vorstellungskraft. Wussten Sie z.B., dass alleine das Imaginieren einer Tätigkeit zur Stimulation der Gehirnareale führt, die auch bei physischer Ausführung aktiv wären? Das geht sogar soweit, dass allein durch wiederholtes Vorstellen einer bestimmten Muskelkontraktion, der besagte Muskel nachweislich wächst, als wäre er tatsächlich physisch trainiert worden!

Doch nicht nur konzentriertes Fokussieren wirkt sich positiv auf Neuroplastizität aus, sondern auch das Defokussieren, das wir während der Meditation erleben. Wissenschaftler konnten bereits nach einem Zeitraum von 4 Wochen strukturale und funktionale Neuroplastizität infolge von Meditation feststellen.

Weiters kann auch durch das erleben positiver Gefühle Plastizität gefördert werden. Dazu gehören u.a. das Empfinden von Liebe, Zufriedenheit mit dem Augenblick, Freude, der Genuss wärmender Sonnenstrahlen, zwitschernder Vögel, einer leckeren Mahlzeit oder etwa Musik. Welche machtvolle Wirkung Musik auf das Gehirn ausüben kann, sehen Sie im nachfolgenden Ausschnitt aus der überaus sehenswerten Dokumentation Alive Inside.

 

 

Selbstverständlich wirkt sich auch körperliche Betätigung vorteilhaft auf Gehirnplastizität aus. Alles, was Spaß macht, ist erlaubt: Tanzen, Aerobic, Yoga, Jonglieren, oder was auch immer Ihnen einfällt.

Wie Sie also sehen können, ist das Alter lediglich eine faule Ausrede! Machen Sie sich ans Vergnügen und unterstützen Sie Ihr Gehirn aktiv in seiner ständigen Weiterentwicklung. Sie selbst setzen die Grenzen! Was Ihnen das sonst noch außer Spaß, Gesundheit und Wohlgefühl bringt? Nun, wie die eine oder andere Studie zeigt: ein um 50% oder womöglich noch mehr längeres Leben.

 


Buhl, Monika (o.J.). „Neuroplastizität – oder: Warum es reicht, sich Training nur einzubilden.“ In: Kopfüber ins Leben. (Stand: 25.10.2017).

Diamond, Marian / Ruth Johnson / Ann Protti [u.a.] (1984). „Plasticity in the 904-day-old male rat cerebral cortex.” In: Experimental Neurology 87, S. 309-317.

Dispenza, Joe (2011). Schöpfer der Wirklichkeit. Der Mensch und sein Gehirn – Wunderwerk der Evolution. Burgrain: KOHA.

Mahncke, Henry / Amy Bronstone / Michael Merzenich (2006). „Brain plasticity and functional losses in the aged: scientific bases for a novel intervention.” In: Progress in Brain Research 157, S. 81–109.

Mosher, Clayton (2014). „How to grow stronger without lifting weights: A study finds improvement from pretending to move muscles.” In: Scientific American. (Stand: 25.10.2017)

Shaffer, Joyce (2016). „Neuroplasticity and Clinical Practice: Building Brain Power for Health.“ In: Frontiers in Psychology 7. (Stand: 25.10.2017)

Tang, Yi-Yuan / Qilin Lu / Yihong Yang / Michael Posner (2012). “Mechanisms of white matter changes induced by meditation.” In: PNAS. (Stand: 25.10.2017)

Vemuri, Prashanthi / Timothy Lesnick / Scott Przybelski [u.a.] (2014). “Association of lifetime intellectual enrichtment with cognitive decline in the older population.” In: JAMA Neurology 71(8). (Stand: 25.10.2017)

“Neuroplastizität auch bei Senioren.” In: Ärzteblatt 31-32/2008. (Stand: 25.10.2017)

„Neuroplastizität: Struktur und Organisation.“ In: CogniFit. (Stand: 25.10.2017)

„Why strength depends on more than muscle: Neural adaptations could account for differing strength gains despite similar muscle mass.” In: ScienceDaily. (Stand: 25.10.2017)

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s